RETTENDE HIRNSCHRITTMACHER

17 Jul 2012

 

NEUROCHIRURGIE – Professor Volker Sturm hilft schwerstkranken Menschen mit seinen Operationen am Kopf

 

Professor Dr. Volker Sturm hat Schlagzeilen gemacht und wird es weiterhin tun. Trotz seiner kurz bevorstehenden Emeritierung forscht und operiert er weiter als international anerkannter Experte auf dem Gebiet der Hirnforschung und weil sich ihm schon allein beim Wort „Ruhestand“ die Nackenhaare aufstellen. 

Der 68-jährige Wissenschaftler ist mit Herzblut Mediziner, seine Leidenschaft ist das Gehirn, und er hat menschliche Größe. Professor Dr. Volker Sturm ist ein international renommierter Hirnforscher, ausgewiesener Experte für Hirntumore, einer der Pioniere auf dem Gebiet der Hirnschrittmacher und Direktor der Klinik für Stereotaxie und Funktionelle Neurochirurgie an der Universitätsklinik Köln – noch bis Ende Juli. Er ist der Allererste, der in Deutschland 1978 einen Hirnschrittmacher gegen Schmerzen implantierte.

 

Der international renommierte Gehirnspezialist ProfessorVolker Sturm (BILD: MAX GRÖNERT)

 

Die große Zukunft der Hirnstimulation liegt laut Sturm in der Behandlung schwerster psychiatrischer Erkrankungen, die mit herkömmlichen Methoden nicht zu therapieren sind, sowie von Zwangskrankheiten, Depressionen, des Tourette-Syndroms sowie von Demenz- und Suchterkrankungen. Nach wie vor werden Hirnschrittmacher bei Parkinson und ähnlichen neurologischen Krankheiten eine wesentliche Rolle spielen. „Aber das ist fast schon Routine“, sagt der Professor, an dessen Kölner Klinik weltweit die meisten Hirnschrittmacher eingesetzt wurden.

 

»Ein Neurochirurg braucht hervorragende Neurologen und Psychiater im Team wie hier in Köln« – Professor Volker Sturm

 

Faszinierend und neu sind die Ergebnisse bei schweren Alkoholikern nach Implantation eines Hirnschrittmachers. Sie haben aufgehört zu trinken, und selbst wenn sie ein Kölsch trinken, „werden sie nicht mehr süchtig“, so Sturm. Die Rede ist von Menschen wie jenem Mann, dem eine Magensonde eingesetzt werden musste, weil der Alkoholmissbrauch bereits Speiseröhrenkrebs verursacht hatte. Die Abhängigkeit dieses Mannes aus geordneten Verhältnissen ging so weit, dass er sich morgens durch die Magensonde einen halben Liter Wodka einflößen musste, um den Tag zu überstehen. Mit einem Hirnschrittmacher konnte Volker Sturm ihn von der Geißel seiner Sucht befreien.

Die Ethik-Kommission hat zudem grünes Licht gegeben für eine Studie mit Heroinabhängigen. Außerhalb dieser Studie wurden bereits zwei schwerstabhängige junge Menschen mit dem Hirnschrittmacher therapiert. Mittlerweile brauchen sie weder Heroin noch die Ersatzdroge Methadon, aber nach wie vor sind sie süchtig nach Alkohol und Amphetaminen. Beachtliche Ergebnisse werden zudem bei Zwangskrankheiten und schweren Psychosen erzielt wie bei der Frau, die aufgrund eines Waschzwangs bis zu 50-mal am Tag duschte und die Körperhaut ruiniert hatte. Sturm: „Natürlich wissen diese Menschen, die unter solchen fürchterlichen Zwängen leiden, dass das, was sie tun, sinnlos ist. Sie können nicht dagegen an.“ Therapien helfen nicht mehr, nur der Schrittmacher im Hirn.

 

Die Implantation eines solchen Hirnschrittmachers ist allerdings nicht ohne Risiko. Die Operation dauert einige Stunden. Durch zwei Bohrlöcher mit einem Durchmesser von acht Millimetern wird die Sonde computergesteuert ins Hirn eingeführt. Die Hauptgefahr ist, dass Gefäße verletzt werden und es zu einer tödlichen Blutung kommen kann oder dass Infektionen auftreten. Sturm: „Das Infektionsrisiko beträgt zwei bis drei Prozent. Aber wir sprechen hier nicht von Infektionen des Gehirns, sondern der Haut. Das Risiko einer Blutung liegt bei 0,4 Prozent. Die letzten drei Jahre hier in der Klinik ist es zu keiner einzigen Hirnblutung gekommen.“ Je besser, je präziser und je routinierter der Gehirnchirurg und sein Team arbeiten, desto geringer das Risiko. Das Risiko minimiere sich auch mit dem Alter des Patienten: Je jünger, desto besser seien die Gefäße und desto sicherer sei der Eingriff: „Wie bei psychisch kranken Menschen, die meist jünger sind als Parkinson-Kranke.“

 

Die Angst der Patienten ist, dass durch das Einsetzen des Hirnschrittmachers Schäden in anderen Regionen des Gehirns auftreten könnten. Volker Sturm verneint das: „Es kann höchstens sein, dass der implantierte Hirnschrittmacher keine Wirkung zeigt oder als Nebenwirkung ein Kribbeln in Armen und Beinen auftritt und bei Parkinson-Kranken sich eventuell die Sprache verschlechtert, leiser und verwaschener wird. Diese Reaktionen sind durch Umprogrammierung des Impulsgebers jederzeit beherrschbar. Im Extremfall kann es sein, dass der Schrittmacher abgeschaltet werden muss.“ Dann sind die Nebenwirkungen zwar behoben, doch dem Patienten wurde nicht geholfen.

 

 

 

Die erfolgreiche Implantation eines Hirnschrittmachers steht und fällt mit dem Können des Neurochirurgen und seinesTeams. Volker Sturm: „Ein Neurochirurg darf das nie alleine machen. Er braucht hervorragende Neurologen und Psychiater wie hier in Köln.“ Diese Experten in ausreichender Zahl zu finden ist ein Problem. Derzeit gibt es bundesweit 30 Kliniken, die Hirnschrittmacher einsetzen können, aber viele schaffen kaum mehr als zehn Eingriffe pro Jahr, was nicht gerade dazu dient, das Können zu perfektionieren. Bis heute haben Sturm und sein Team rund 1300 Hirnschrittmacher zumeist bei Parkinson-Patienten implantiert – das sind weltweit die meisten.

 

Volker Sturm war auch der Erste, der einen Hirnschrittmacher bei einem Patienten implantiert hat, der über Wochen in einem schweren Koma lang und gravierende Infektionen hatte. „Nie wieder“, sagt Sturm, und die qualvolle Erkenntnis spiegelt sich in der Erinnerung an diesen Fall auf seinem Gesicht wider. Nach zwei Tagen war der Mann zwar wach, konnte sitzen und kommunizieren, „aber die Schäden im Gehirn waren zu groß. Wir haben ihm sein Elend bewusst gemacht, indem wir ihn aufgeweckt haben. Schrecklich.“ Erlöst wurde der Patient durch einen Infekt. „Dann konnte er sterben.“ Für Sturm ist es folglich unverständlich, dass noch vor wenigen Jahren in den USA und in der „New York Times“ ein unvorstellbarer Wirbel gemacht wurde, als man mit vergleichbaren Methoden und Ergebnissen einen Menschen aus dem Koma in die Erbärmlichkeit seines Lebens zurückgeholt hatte. Für den Hirnforscher Sturm hat trotz der unermesslichen Leidenschaft für seinen Beruf die Medizin da ihre Grenzen, wo sie dem Menschen nicht mehr dient. Das meint Sturm so, wie er es sagt, denn er hat zwei Dinge zutiefst verinnerlicht: die Demut vor der grenzenlosen Größe des menschlichen Gehirns und die Demut vor dem Leid der Kranken.

 

 

 

<< Prof. Sturm und seine Arbeit

 

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger

Autor: Marie-Anne Schlolaut

Foto Professor Sturm: Max Grönert

 

 

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