Die Jörg-Bernards-Stiftung hat mit Schreiben vom 20.10.2017 die Förderung des Projektantrages „Lokale Ultraschall-vermittelte Zytostatika-Applikation zur Behandlung von Hirntumoren: Von der Zellkultur zum Tierversuch“ in Höhe von 180.000 € über 3 Jahre bewilligt. Mit der Einstellung der Biologie-Doktorandin Frau Ellina Schulz im Mai 2018 konnte die Bearbeitung der im untenstehenden Gantt-Diagramm zusammengefassten Arbeitspakete begonnen werden. Im Oktober 2021 wurde das Projekt experimentell abgeschlossen.
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In den ersten 1,5 Jahren wurde die Herstellung der Microbubbles optimiert, so dass diese über viele Stunden stabil und verwendbar gehalten werden können. Diverse Platin- und Palladiumverbindungen wurden synthetisiert und an Glioblastomzellen getestet (Arbeitspaket 1). Die Beladung von Microbubbles mit dem Chemotherapeutikum Paclitaxel konnte nachgewiesen werden, wie auch die
Freisetzung und Wirkung dieses Chemotherapeutikums nach Ultraschallapplikation. Im Zentrum von Arbeitspaket 2 stand der Transfer der Experimente von einfachen 2D-Gewebekulturen auf anspruchsvolle 3D Tumormodelle, die von Frau Schulz im Labor etabliert und optimiert wurden. Frau Schulz ist es gelungen, sogenannte organotypische hippocampale slice Kulturen (OHSC) anzulegen und mit Tumorzellen zu beimpfen, die dann Mikrotumoren gebildet haben. Diese Ergebnisse wurden im Halbzeitbericht vom 06.12.2019 zusammengefasst und werden daher hier nicht ausführlich wiederholt. Insgesamt wurden Arbeitspaket 1 und Meilensteine 1 und 2 fristgerecht abgeschlossen und mit Arbeitspaket 2 wurde im Jahr 2019 begonnen.
Trotz einer mehrmonatigen Laborschließung wegen der COVID-19 Pandemie konnten die Arbeiten im Jahr 2020 weitergeführt werden. Die Methode zur Synthese und Aufreinigung von Microbubbles wurde noch einmal überarbeitet und deutlich verbessert. Auch wurde mit Doxorubicin ein Therapeutikum gefunden, welches auf Grund seiner Autofluoreszenz noch besser nachweisbar ist und die Etablierung der 3D Tumormodelle wurde weiter vorangetrieben. Damit wurde Arbeitspaket 2 nahezu abgeschlossen. Die Ergebnisse wurden der Jörg-Bernards-Stiftung in einem Bericht vom 18.12.2020 ausführlich dargelegt.
Im Jahr 2021 wurde das Projekt nicht nur planmäßig fortgeführt, sondern auch erfolgreich experimentell zum Abschluss gebracht. Frau Schulz hat Microbubbles mit Doxorubicin beladen und anschließend durch eine Kombination aus Dialyse und Ionen-Austausch-Chromatographie aufgereinigt. Die erfolgreiche Beladung der Microbubbles wurde dann mit Hochleistungsflüssigkeitschromatographie (HPLC) analytisch chemisch nachgewiesen.
Es schloss sich das Testen der Wirksamkeit Doxorubicin-beladener Microbubbles in 2D- (Abb. 1) und 3D-Glioblastomzellkulturmodellen an. Insbesondere die 3D-Modelle standen hierbei im Fokus der Untersuchungen.
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Zum einen ist hier das SISser-Modell (dezellularisierter Schweinedarm als Matrix für Glioblastomzellen) zu nennen, zum anderen ein Bioreaktor, der in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Funktionswerkstoffe der Medizin und der Zahnheilkunde (fmz, Leitung Herr Prof. J. Groll), Universitätsklinikum Würzburg verwendet werden konnte. Glioblastomzellen werden hierbei in einem Hydrogel eingebettet, durch das ein perfundierbarer Kanal hindurchführt, wodurch eine Versorgung und Behandlung der Zellen gewährleistet ist. Dieses Modell simuliert ein durch den Tumor führendes Blutgefäß, durch welches die Microbubble-Suspension geleitet wurde.
In allen Modellen erfolgte die Behandlung der Zellen mit aufgereinigten, mit Doxorubicin beladenen Microbubbles und fokussiertem Ultraschall niedriger Intensität. Es konnte dabei beobachtet werden, dass die Microbubbles unter Ultraschallapplikation zerplatzen und den Wirkstoff Doxorubicin freisetzen. Die Aufnahme des fluoreszierenden Chemotherapeutikums durch die Glioblastomzellen konnte mit dem Fluoreszenzmikroskop bestätigt werden. Zur Analyse der Wirksamkeit der Microbubbles wurden immunhistochemische Färbungen durchgeführt. So konnte durch die Verwendung eines Antikörpers gegen γH2AX, welcher die durch Doxorubicin verursachten DNA-Doppelstrangbrüche markiert, indirekt die Apoptose (Zelltod) nachgewiesen werden (Abb. 2). Eine statistische Analyse bestätigte die hohe Wirksamkeit der Microbubbles in Kombination mit
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fokussiertem Ultraschall und das Absterben der Tumorzellen. Auch die Ergebnisse aus dem Bioreaktor-3D-Modell bestätigten die oben genannten Befunde (Abb. 3).
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Des Weiteren wurde die Kultivierung hippocampaler Brain Slice Kulturen aus der Maus fortgesetzt und erweitert. Es ist jetzt gelungen, Mikrotumoren aus bereits etablierten Glioblastomzelllinien als auch aus patienteneigenem, intraoperativ entferntem Material auf diesen Hirnschnitten dreidimensional zu kultivieren. Neben diesen aus Mäusen stammenden Hirnschnitten, konnte Frau Schulz auch Hirnschnitte aus frischem Glioblastommaterial herstellen und über mehrere Tage kultivieren. Letzteres wird es zukünftig ermöglichen, die Wirksamkeit von Therapeutika, wie z.B. Microbubbles, direkt am Patiententumor im Labor zu testen. Als Proof-of-Principle wurde eine bereits etablierte Behandlungsmethode, sogenannte Tumor Treating Fields (TTFields), auf dieses 3D-Modell erfolgreich angewendet.
Insgesamt stellen die in 2021 generierten Daten einen großen Erfolg dar und bringen mit Beendigung des 3. Arbeitspaketes des Antrages das Projekt experimentell zum Abschluss. Derzeit wertet Frau Schulz die Gesamtdaten endgültig aus und bereitet sie für die Publikation in Fachzeitschriften und für ihre Promotionsarbeit auf. Drei wissenschaftliche Manuskripte stehen kurz vor dem Abschluss, so dass sie zeitnah bei Fachjournalen zur Begutachtung und Veröffentlichung eingereicht werden können und im Laufe des Jahres 2022 erscheinen sollten. Sobald dies geschehen ist und Frau Schulz ihre Dissertation erfolgreich verteidigt hat, kann die Planung und Beantragung eines Tierversuches begonnen werden, um die Anwendbarkeit Zytostatika-beladener Microbubbles auch im lebenden Organismus zu zeigen. Dies wäre dann ein Fortsetzungsprojekt, welches in den nächsten Jahren zu bearbeiten sein wird.
Während des Förderzeitraums betreute Abschlussarbeiten:
• Dr. rer. nat. Viviane Mawamba Kemo: Beladung von Microbubbles mit Platin(II)- oder Palladium(II)-Komplexen und Freisetzung unter Einwirkung von Ultraschall zur Behandlung von Glioblastomen Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Studiengang Chemie, 30.10.2020
• B.Sc. Clara Keller: Nachweis von apoptotischen Glioblastomzellen in einem 3D-Zellkulturmodell mittels immunhistochemischer Fluoreszenzfärbung. Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Studiengang Biochemie, 02.03.2021 (Note: 1,0)
• B.Sc. Jonathan Hiltensberger: Nachweis der Wirkung von Doxorubicin auf Glioblastomzellen mittels immunhistochemischer Fluoreszenzfärbung im 2D und 3D Zellkulturmodell. Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Studiengang Biologie, 12.07.2021 (Note: 1,7)
• Ellina Schulz: Lokale Ultraschall-vermittelte Zytostatika-Applikation zur Behandlung von Hirntumoren: Von der Zellkultur zum Tierversuch. Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Studiengang Biologie, Dissertation in Vorbereitung.
Kongressbeiträge aus dem geförderten Projekt:
• Schulz, E.; Mawamba, V.; Sturm, V.; Ernestus, R.-I.; Schatzschneider, U.; Löhr, M.; Hagemann, C.: Chemotherapeutika-beladene Microbubbles – eine vielversprechende Zukunftsstrategie zur Behandlung maligner Gliome. 70. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC); Würzburg, 12.-15.05.2019. (Vortrag)
• Schulz, E.; Mawamba, V.; Sturm, V,.; Ernestus, R.-I.; Schatzschneider, U.; Löhr, M.; Hagemann, C.: Treatment of malignant gliomas with drug-loaded microbubbles: A promising future therapeutic strategy. Brain Tumor 2019; Berlin, 23.-24.05.2019. (Posterpreis, 2. Platz)
• Schulz, E.; Mawamba, V.; Sturm, V.; Ernestus, R.-I.; Schatzschneider, U.; Löhr, M.; Hagemann, C.: Conception of a promising future therapy: Drug-loaded microbubbles against glioblastoma. 14th Meeting of the European Association of Neuro-Oncology (EANO); Lyon, Frankreich, 19.-22.09.2019. Neuro-Oncology 21, 2019, Suppl. 3, iii53.
• Schulz, E.; Keller, C.; Nietzer, S.; Ernestus, R.-I.; Löhr, M.; Hagemann, C.: Serosa als in vitro 3D-Modell für Medikamententests zur Behandlung von Glioblastoma multiforme. 72. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC) digital, 06.-09.06.2021
• Schulz, E.; Dufner, V.; Monoranu, C.; Diener, L.; Löhr, M.; Ernestus, R.-I.; Hagemann, C.: 3D-in vitro-Modelle zur Evaluation von Tumor Treating Fields Effekten auf Glioblastom-Gewebe von Patienten. 23. NOA Jahrestagung der Neuroonkologischen Arbeitsgemeinschaft. Frankfurt am Main, 07.-08.10.2021
Publikationen aus dem geförderten Projekt:
• Peng, K.; Mawamba, V.; Schulz, E.; Löhr, M.; Hagemann, C.; Schatzschneider, U.: iClick reactions of square-planar palladium(II) and platinum(II) azido complexes with electron-poor alkynes: Metal-dependent preference for N1 vs. N2 triazolate coordination and kinetic studies with 1H and 19F NMR spectroscopy. Inorg. Chem. 2019, 58, 11508-11521 (doi: 10.1021/acs.inorgchem.9b01304) (IF: 4,85)
• Schulz, E.; Hohmann, T.; Hohmann, U.; Ernestus, R.-I.; Löhr, M.; Dehghani, F.; Hagemann, C.: Preparation and culture of organotypic hippocampal slices for the analysis of brain metastasis and primary brain tumor growth. In: Stein, U. (ed.), Metastasis: methods and Protocols. Methods in Molecular Biology, vol. 2294, Springer Nature 2021 (doi: 10.1007/978-1-0716-1350-4_5) (IF: -)
• Dufner, V.*; Schulz, E.*; Salvador, E.; Trautmann, L.; Diener, L.; Monoranu, C.M.; Dehghani, F.; Ernestus, R.-I.; Löhr, M.; Hagemann, C.: Brain tumor derived 3D ex vivo models to evaluate TTFields effects and efficacy. In Vorbereitung. (* gleichberechtigte Erstautorschaft)
• Schulz, E.; Mawamba, V.; Löhr, M.; Hagemann, C.; Friedrich, A.; Schatzschneider, U.: Structure-activity relations of Pd(II) and Pt(II) thiosemicarbazone complexes on different Glioblastoma cell lines. In Vorbereitung.
• Schulz, E.; Keller, C.; Hiltensberger, J.; Blum, C.; Nietzer, S.; Löhr, M.; Ernestus, R.-I.; Schatzschneider, U.; Hagemann, C.: Evaluation of Doxorubicin loaded microbubbles in combination with low intensity focused ultrasound as a novel drug delivery system for glioblastoma therapy. In Vorbereitung.
Ich möchte diesen Projekt-Abschlussbericht mit meiner tiefsten Dankbarkeit gegenüber der Jörg-Bernards-Stiftung abschließen, deren extrem großzügige Förderung die Bearbeitung eines solch komplexen und innovativen Themas überhaupt erst ermöglicht hat.
Würzburg, 31.01.2022
Prof. Dr. Carsten Hagemann